Poljica

Auf den kleinen Feldern (Kr. “poljica”) zwischen den Flüssen Cetina und Žrnovnica, am Füße des Berges Mosor, befand sich ab dem 11. bis zum 19. Jh. die Poljice Republik, ein einzigartig verwaltetes Staatsgebilde.

Die heutige Ortschaft Poljica ist bei einer Oberfläche von rund 250 Quadratkilometern nur ein topographischer Begriff, gekennzeichnet durch außergewöhnliche Naturschönheit und Geschichte. Die Bewohner bauen Weinlaub, Oliven, Obst und Gemüse an und züchten Vieh. Ursprünglich bestand Poljica aus 12 Dörfern (sgn. “katuni”); heute ist ihre Anzahl auf 21 angestiegen. Der damalige Ort war in Donja (“niedere”), Srednja (“mittlere”) und Gornja (“obere”) Poljica eingeteilt. Seine Grenzen wurden erstmals im Statut vom 1482 klar definiert.

Es ist nicht bekannt, ob und wie viel dieses relativ abgelegene Gebiet während der Kriege zwischen den Byzantinern und Gothen, so wie während der Ansiedlung der Awaren und Slawen beschädigt wurde; es ist jedoch sicher, dass sich die Einheimischen vor dem Andrang der Barbaren in die alten Siedlungen in den Bergen zurückzogen.

Die Ansiedler wurden zum ersten Mal in den Dokumenten und Urkunden der kroatischen Herrscher dem Erzbistum von Split erwähnt, wie z.B. in dem Vertrag aus dem Jahr 839, in dem der kroatische Herzog Mislav den venezianischen Fürsten Peter Tradenik berechtigt, die kroatische Adria zu befahren. Nach dem Mord des kroatischen Königs Miroslav in 949 fliehen drei Brüder Krešimir, Tješimir und Elem aus Bosnien und lassen sich im heutigen Dorf Ostrvice nieder. Ihre Nachfahren separieren zwischen dem 11. und dem 13. Jh. das Gebiet von Poljica aus der Küstenpfarre mit Sitz in Klis und gründen innerhalb des kroatischen Staates die Poljica-Pfarre mit selbständigen Verwaltung.

Poljica liegt geopolitisch gesehen an einem wichtigen Standort. Die Aristokratie aus dem dalmatinischen Hinterland, die Herrscher Bosniens, die adelige Familie Kačić und der Erzbistum von Split zeigten seit eh und je Interesse an diesem Gebiet. Zu dieser Zeit beginnt auch der Überfall der Osmanen; diese Ereignisse beschleunigen die Entwicklung des Fürstentums, das durch seine Autonomie das damalige Feudalsystem bekämpft.
Da Poljica eine Dorfgemeinschaft war, kam es nie zu einer sozialen Differenzierung zwischen dortigen Familien oder einzelnen Bewohnern. Die Gegebenheiten, die in Poljica stattfanden, wurden im Poljica-Statut dokumentiert.

Poljica-Statut, verfasst in „poljičica“ (geographisch bedingte Variante des Rechtsschreibungssystems „bosančica“), ist eine geschriebene Sammlung gesetzähnlicher Vorschriften über Sitten, Gebräuche und soziale Zwischenbeziehungen der Einwohner der Bauernrepublik Poljica. Die 116 Artikeln des Statuts regulieren alle Einzelheiten des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens. Bezüglich der Regulierung der sozialwirtschaftlichen Beziehungen unterscheidet sich dieser Statut von allen anderen Sammlungen mittelälterlicher Gesetzesvorschriften; Missbrauch des Subjektivgesetzes (Schikane) ist ausdrücklich verboten. Infolgedessen entwickelte sich auch unter Poljica-Bewohnern ihre weitbekannte Solidarität.

Mila Gojsalić, ein junges Mädchen vom Rang Johanna von Orléans, trug mit ihrem Mut dazu bei, die Poljica-Republik von den Osmanen zu befreien. Während eines ihrer Überfälle aufs christliche Europa ergriffen sie nämlich am 17.8.1530 von Poljica Besitz mit der Absicht, sich dort anzusiedeln; das entsprach aber den mutigen Bewohnern nicht. Nachdem der türkische Feldherr in Gati bei Poljica seine Zelte aufgestellt hatte, verlangte er, dass das schönste Mädchen des Dorfes zu ihm gebracht wird. Spät in der Nacht, als er bei Mila einschlief, schlich sie sich davon, fand im Lager eine Fackel und warf sie auf das Zelt mit Schießpulverreserven. In der darauf folgenden Explosion kam auch Mila ums Leben, ihre Mitbürger konnten aber den an Soldaten und Waffen überlegenen Feind besiegen.

Viele angesehene kroatische Schriftsteller und Künstler, so wie Šenoa, Meštrović und Gotovac, verewigten den Opfertod der schönen Mila. Ihre Tat wird als Symbol des Patriotismus angesehen, da die Kroaten in den Jahrhunderten nach der Pacta Conventa (1102) ihrem Heimatland, ihren Familien und auch ihrer Religion und Tradition treu blieben. Bis zur Besetzung durch die Armee Napoleons in 1805 war Poljica ein geopolitisches Phänomen. Die besten Verteidigungsmöglichkeiten bot Gornja Poljica; dank dem Cetina-Kanjon und dem Berg Mosor war der Ort praktisch unbesiegbar. Alle 10000 Einwohner – auch Frauen – bewiesen in der Abwehr von Poljica immer wieder Tapferkeit und Teamgeist.

Poljice wurde im 11. Jh. Republik, so wie auch Dubrovnik, jedoch wurden in die Regierung Bürger aufgenommen, nicht wie in Dubrovnik ausschließlich der Adel und die wohlhabenden Kaufleute. Auch wurde Poljica nie durch den Handel reich; die fleißigen Bewohner lebten vielmehr von der Landwirtschaft. Ihre Selbstdisziplin und die konsequente Durchführung der Gesetze ermöglichten die Erhaltung der Poljica-Republik. Schon in 1439 fand das erste Referendum statt (vor der Schweiz), und zwar mit Hilfe der Priester glagoljaši, die das Lesen und Schreiben lehrten. Der Gottesdienst wurde in Kroatisch gehalten, „so dass ihn jeder verstehen kann“.

Das Regierungssystem bestand aus der Staatsverwaltung und dem vorsitzenden Fürsten. Der Fürst wurde jedes Jahr am Tag des Hl. Jure (den 23. April) gewählt. Es gab fast überhaupt keine Knechtschaft. Die Judikative wurde von der Legislative streng getrennt, und die Gesetze wurden im Poljica-Statut jahrhundertelang aufgeschrieben und ergänzt. Der russische Akademiker Grekov vertrat in 1951 sogar die Ansicht, dass Sir Thomas Moore, bekannter englischer Staatsmann und Humanist, sein Werk Utopia nach dem Vorbild der Poljica-Republik verfasste. Der französischen Armee gelang es in 1807, den Widerstand der Poljica-Bewohner zu brechen; die Ortschaften im Poljica-Gebiet wurden geplündert und niedergebrannt. Der letzte Herzog Čović floh an Bord eines russischen Schiffs nach Sankt Petersburg und kehrte nie zurück.